Esther
Das Buch Esther - ein umstrittenes Buch
Am Buch Esther ist oft Anstoß genommen worden. Man fragte beispielsweise:
Wie kommt eine Schrift in die Bibel, in der Gottes Name
überhaupt nicht erwähnt wird? Schwerer mag man mit dem Bericht
fertigwerden, dass die Juden unter ihren Feinden ein gewaltiges Blutbad
anrichteten. Kann Gottes erwähltes Volle so handeln? Müsste der Herr
nicht verhindern, dass es grausam vernichtet? Man konnte an des Schöpfers Liebe zu den Menschen zweifeln, wenn er derartige Ereignisse zulässt.
Das Buch Esther mag daher manchem eher als ein Glaubenshindernis
erscheinen. Oder wie ist es zu verstehen? Unser Fernkurs möchte zum rechten Verständnis helfen.
Welche Lage setzt das Buch voraus?
Die Juden sind von heidnischen Völkern umgeben. Unterschiedliche Sitten und voneinander abweichender Glaube müssen zu Zusammenstoßen führen. Die Frage bricht auf: 'Sollen wir uns den Heiden anpassen? Oder sind wir gefordert, uns im täglichen Leben klar von ihnen abzuheben?' Gottes Gebote ziehen klare Grenzen. Für einen Juden war jeder Götzendienst verboten und Vermischung mit den Heiden strengstens untersagt. Vollkommene Anpassung durfte es nicht geben. Wer aber kann auf de Dauer in Kampf und Spannung mit seiner Umwelt leben?
Esther, die spätere Königin, ist ein Kind ihrer Zeit. Manches ist bei ihr zu finden, was ihr als Jüdin verboten war. Durfte sie einen Heiden heiraten? War es ihr erlaubt, an einem Hof zu leben, dessen Verhalten nicht von Gottes Gesetz bestimmt wurde? Sie hat es nicht geschafft, sich ganz und gar von den Lebensgewohnheiten ihrer Umwelt zu losen. Trotzdem sehen wir, dass sie sich im entscheidenden Augenblicktapfer für Gottes Sache einsetzt und darum auch für ihr Volk. Beim Lesen dieses biblischen Buchs wollen wir darauf achten.
Thema und Verfasser
Das Buch Esther erklärt uns, wie es zur Entstehung des Purimfestes* bei den Juden gekommen ist. Wichtige Einzelheiten lesen wir in Kapitel 3,7ff. Unter diesem Thema werden eine Reihe wichtiger Probleme beleuchtet, die für das Christenleben ebenfalls von Bedeutung sind
Einen Verfasser des Buchs Esther können wir nicht nennen. Darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. - Der genannte König Ahasveros ist der Perserkönig Xerxes, der von 485-465 vor Christi Geburt regierte.
*Purim = das jüdische Neujahrsfest, an dem man sich gegenseitig Geschenke bringt; heutzutage oft nach Art des Karnevals gefeiert. 'pur' = Los.
1. Kapitel: Vasthis Aufbegehren
Königin Vasthi lehnt sich gegen damals selbstverständliche Gewohnheiten auf. Sie will sich nicht zur Schau stellen lassen, um den Neid anderer Männer zu erregen. Sie fühlt sich in ihrer Würde beleidigt und verleiht dem Ausdruck: Sie verweigert den Befehl des Königs, vor ihm und seinem Hofstaat zu erscheinen. 1hr Anliegen wird nicht verstanden, sondern als drohende Auflösung der bestehenden Ordnung aufgefasst. Dem muss widerstanden werden, soll die Lebensgrundlage des Volkes nicht zerbrechen. Ihr Aufruhr könnte ansteckend wirken, wenn nicht harte Maßnahmen dagegen ergriffen werden.
Vasthi erreichte nichts. Sie wird als Königin verstoßen.
Folgerung für uns:
Wir bekommen einen Einblick in die Stellung der Frau, wo die biblischen Ordnungen nicht gelten. Mit Christus und dem Evangelium wird dann deren Lage gesetzlich neu. Denn bei ihm gibt es kein Ansehen der Person; er ist für alle Menschen gestorben und will jedem die Ewigkeit bringen. Wo Gottes Wort und das Vertrauen auf Jesus verlorengegangen sind, treten bald wieder die alten Auffassungen auf: Zurschaustellung der Frau in Werbung und Film als bloßes Reiz- und Lustobjekt. Trotz allen Redens von der Gleichberechtigung stellt die gottlose Gesellschaft die Frau allmählich wieder an den Platz, den sie im Altertum besaß.
Beachte weiter: Schon die Herren auf dieser Erde ahnden verletzte Ordnungen hart!
2. Kapitel: Die Jüdin Esther wird Königin
Wir mögen es als unwürdig beurteilen, wie hier mit Frauen umgegangen wird. Kann es der Sinn eines Menschenlebens sein, sich monatelang auf die Begegnung mit dem König vorzubereiten, um danach unbeachtet im Frauenhaus weiterzuleben?
Hier setzt Gottes Arbeit im Verborgenen ein. Die Adoptivtochter des Juden Mardochai, der mit seinem Volke in die babylonische Gefangenschaft geraten war, wird zusammen mit anderen jungen Mädchen ausgesucht, damit der König sich eine neue Königin auswählen kann. Zunächst entsteht der Eindruck: Esther geht völlig in der heidnischen Welt auf. Konnte sie sich als Jüdin überhaupt auf dies Unternehmen einlassen? Musste sie nicht sofort erklären, dass es für sie ein Leben am heidnischen Hof nicht geben durfte? Sie schien Gottes Gebote schlicht zu missachten.
Wir können nach so langer Zeit nur schwer aufhellen, warum Esther sich so verhielt. Doch wir werden sehen, dass sie ihre Herkunft nicht vergaß und sich zu gegebener Zeit außerordentlich für Gott und sein Volk einsetzt. - Fremd ist uns dies nicht: Auch im Leben vieler Christen finden wir neben großem Gottvertrauen unbegreifliche Verletzungen der Gebote. Esther wird tatsachlich zur Gattin des Ahasveros erhoben. Ihr Pflegevater Mardochai deckt eine Verschwörung gegen den König auf. Mardochais Verdienste werden in den Geschichtsbüchern des Hofes aufgezeichnet.
Folgerung für uns: Gott bereitet die Bewahrung seiner Voiles zu einer Zeit vor, in der noch nichts von einer Bedrohung zu spüren ist. Unter den jüdischen Gefangenen in Babel ist bereits einer, der Werkzeug dafür werden soll, dass Gottes Verheißung sich erfüllt: durch Israel alle Völker zu segnen. Zu der Zeit sah es bald so aus, als ob die Israeliten als Volk erledigt waren und in Vergessenheit geraten würden.
3. Kapitel: Der Kampf entbrennt
Haman wird zum zweiten Mann im Staat. Der König ordnet entsprechende Ehrungen für ihn an. Mardochai verweigert ihm die Huldigung. Dies Verhalten kann nur einen Grund haben: dass einem Menschen göttliche Ehre erwiesen und durch den Kniefall Gottes Heiligkeit verletzt wird. Mardochai bekennt sich zum Glauben an den wahren Gott, indem er die Huldigung Hamans verweigert. Sicher hätte es große Vorteile für ihn bedeutet, wenn er das Gebot des Königs befolgt hätte. Wir stehen an der Stelle in unserem Buch, wo klar wird: Es geht um Gottes Sache, auch wenn Gottes Name nicht erwähnt wird.
Haman ist in seinem Stolz tief getroffen und beschließt, nicht nur Mardochai zu bestrafen, sondern das ganze Volk der Juden zu vernichten. Im ersten Monat des zwölften Regierungsjahrs des Ahasveros lässt er von den Magiern das Los werfen. Es soll den günstigsten Zeitpunkt angeben, an dem die Beseitigung der Juden ausgeführt werden sollte. Es fällt auf den zwölften und damit letzten Monat des Jahres: So ist den Juden eine Frist gegeben, etwas gegen die Absicht Hamans zu unternehmen. (vgl. Spr. 16,33: "Das Los aber es fallt, wie der Herr will.")
Dass es sich nicht nur um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen Haman und Mardochai handelt, wird daran deutlich, dass der Beförderte alle Juden ausrotten will. Er spurt, dass er sich nicht als unbeschränkter Herr fühlen kann, solange noch ein Jude lebt, der Gott und nicht ihm die Ehre gibt. Die Vernichtung Israels ist dem Haman so wichtig, dass er bereit ist, große Summen zu zahlen, wenn er den König dahin bringen kann, die Ausrottung aller Juden zu befehlen. - Nachdem die Anordnung des Ahasveros getroffen und veröffentlicht wurde, kann sie nach damals geltendem Recht nicht wieder rückgängig gemacht werden.
Folgerung für uns: Wer sich selbst zum Maßstab macht und Gott missachtet, kann soweit kommen, dass er auch vor Massenmord nicht zurückschreckt. Die Geschichte moderner Ideologien zeigt, dass sich in dieser Hinsicht seit den Tagen des Persers Haman wenig geändert hat.
Beachte, dass der Untergang Israels unvermeidlich erscheinen musste!
4. Kapitel: Wie soll es weitergehen?
Mardochai erreicht, dass die Königin Esther vom Mordbefehl gegen die Juden Kenntnis erhält. Er befiehlt ihr, zum König zu gehen, um für das jüdische Volk zu bitten. Das ist eine äußerst heikle Aufgabe. Denn wer unaufgefordert vor Ahasveros erscheint, muss das unter Umstanden mit schwerer Bestrafung büßen. Außerdem wusste der König bis dahin nichts von Esthers jüdischer Abstammung.
Wir mögen erstaunt darüber sein, dass Mardochai der Königin gebietet. Er muss wissen, dass für sie das vierte Gebot immer noch Gültigkeit besitzt: die Eltern zu ehren und ihnen gehorsam zu sein. Mardochais Forderung ist nur einsichtig, wenn es um Gottes Sache und die seines Volkes geht.
Esther antwortet begreiflicherweise, dass sie nicht bereit ist, ihr Leben einzusetzen. Was ihr Adoptivvater daraufhin kundgibt, macht endgültig klar, dass es nicht um persönlichen Vorteil geht. Das Schicksal des Volkes Gottes steht auf dem Spiel. Kapitel 4,12ff sagt aus: Der Allmächtige hat Esther als Königin an diese Stelle gesetzt, damit sie für die Rettung ihres Volkes eintritt. Tut sie das nicht, so wird sie ihr Leben auch dann nicht erhalten, wenn sie Frau des Königs ist.
Esther lässt sich beeindrucken. Sie ordnet an, dass die Juden sich in der Stadt Susan versammeln und ihre Aufgabe mit einem dreitägigen Fasten vorbereiten. Sie will mit ihren Dienerinnen Gott auf die gleiche Weise um seinen Schutz und Segen bitten. Es wird deutlich: Hier geht es nicht darum, etwa einen persönlichen Ehrgeiz des Mardochai zu erfüllen. Dafür würde sich der ewige Herr bestimmt nicht einsetzen lassen.
Spätestens hier ist klar geworden: Auch wenn Gottes Name nicht genannt wird, geht es doch allein um seine Ehre, auch im Blick auf die Errettung der Juden aus der Hand des Haman.
Folgerung für uns: Mordochai und Esther legen die Sache Israels mit ihrem Fasten in Gottes Hand. Er ist der Herr. Menschen können die Lage nicht mehr verändern. Der Allmächtige erwartet bedingungsloses Vertrauen und den vollen persönlichen Einsatz, wenn er eingreifen soll. Das gilt heutzutage genauso wie damals.
5. Kapitel: Esther und Haman
Esther geht ihren Weg nun im Gehorsam gegenüber Gottes Wort, wie es sie durch Mardochai erreicht hat. Die Folgen sind erstaunlich: Der König ist bereit, sich von Esther ansprechen zu lassen. Von vornherein sagt er ihr zu, ihre Bitte zu erfüllen, obwohl er sie noch gar nicht kennt. Doch die Königin verschiebt den Zeitpunkt, an dem sie ihren Wunsch äußern will, und lädt den König und Haman zum zweiten Mal zu einem Essen ein. Halt sie den Zeitpunkt noch nicht für gekommen, ihr Anliegen vorzutragen? Die äußeren Umstande scheinen günstig zu sein. Dennoch steht über allem die bedrückende Tatsache, dass Ahasveros ja ein erlassenes und veröffentlichtes Gesetz nicht zurücknehmen darf: Für diese Lage ist bis zum heutigen Tag der Ausdruck "Gesetz der Meder und Perser" sprichwörtlich .
Die Königin erscheint jetzt als eine Frau, die sich von Gottes Willen leiten lässt. Selbst Lebensgefahr hindert sie daran nicht. Haman hat eine völlig andere Lebensauffassung: Machthunger und Geltungstrieb sind allein Beweggrund seines Handelns. Wer ihn nicht göttlich verehrt, muss beseitigt werden. Gott ist für ihn kein Maßstab, keine Autorität.
Folgerung für uns: Gott bekennt sich zu denen, die ihm vertrauen. Er verlässt den, der sich nicht um ihn kümmert und nicht nach seinen Geboten fragt. Das gilt auch heute. Noch steht Haman unangefochten; er wird aber der göttlichen Strafe anheimfallen. - Bietet doch gerade unser Jahrhundert (20. Jhd.) viele überzeugende Beispiele dafür, wie Gott die scheinbar sicheren "Gewaltigen" vom Thron stößt und "zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn"! (Luk.1, 51-52)